Javier Fernandez
Gegen Abend kam seine Tante Marta und kümmerte sich um ihn. Nach der
Beerdigung nahm ihn Tante Marta mit nach Hause. Tante Marta - eine
schreckliche Frau. Sie muss so Mitte dreißig gewesen sein, roch nach
faulem Fisch, lebte allein in einem kleinen Haus am Ende des Dorfes.
Anfangs verwöhnte sie ihn noch. Drei Mal am Tag warmes Essen, eine
Schüssel mit Süßigkeiten auf seinem Nachttisch und jeden Morgen lag
frische Kleidung auf dem Stuhl neben seinem Bett. Doch schon bald
vernachlässigte sie ihn, verdrängte ihn aus dem Wohnzimmer, wenn er dort
spielte. Abends musste er schon um 20 Uhr ins Bett, durfte kein Licht
anschalten. Warmes Essen gab es immer seltener. Nachdem er seine Schule
abgeschlossen hatte, suchte er sich daher eine Lehrstelle als
Bankkaufmann in Sant Antonio, schön weit weg von dieser Frau. Die Lehre
brach er nach zwei Jahren ab und arbeitete selbständig als
Immobilienmakler. Zu anderen Verwandten war der Kontakt abgebrochen, sie
waren nach Amerika und Deutschland ausgewandert. Javier steht auf und
sieht aus dem Fenster des Hotelzimmers, es dämmert bereits, die Lichter
der Stadt verlocken zu einem Bummel durch die Straßen. Ein letztes Mal
in einem der zahlreichen Restaurants etwas essen. Wenn er zurückkommt,
will er noch in die Hotel-Bar. Wer weiß, wann er wieder nach seiner
Abreise mit schönen Frauen flirten kann. Ihm fällt ein, dass Isabella
immer noch auf der Miet-Liste steht. Diese Wildkatze. Erst wehrte sie
sich, kratzte und biss, obwohl ihr feuchter Slip signalisierte: Nimm
mich. Anschließend ist sie fluchend davongerannt. Die Erinnerung erregt
Javier. Schnell zieht er sich die hellbraune Lederjacke über und stürzt
sich in das Nachtleben von Melbourne. Vivian, ihre Mutter, war die
einzige Frau, mit der eine längere Beziehung hatte. Obwohl er immer
wieder Affären mit anderen Frauen hatte, hielt sie zu ihm. Sie fand
meist schnell heraus, wenn er sie betrog, wollte ihn dann jedes Mal
verlassen.
Es kam zu Streitgesprächen, mitunter rastete er aus, schlug sie, er
versprach ihr treu zu sein, sie versöhnten sich. Nach einem dieser
Streitgespräche verlobte er sich mit ihr, um ihr zu beweisen, dass er
nur sie wirklich liebte. Danach gab es kaum Probleme; bis zu jenem Tag,
an dem es keinen Streit mehr gab, auch keine Versöhnung. Sie war einfach
ausgezogen. Er suchte sie überall, in der Stadt, in den vielen
Restaurants und Bars von Eivissa. Vivian blieb verschwunden. Monate
später erhielt er von ihr einen Brief aus Madrid, er sei Vater einer
Tochter geworden. Sie schrieb auch, dass sie einen Mann kennengelernt
hat, den sie demnächst heiraten wird. Sein Herz flatterte. Die
Erinnerung an Vivian schmerzte. Wut über sein Verhalten ihr gegenüber
stieg in ihm auf.
Vivian war eine großartige Frau. Ab und zu durfte er seine Tochter
abholen, mit ihr etwas unternehmen, als Janet älter wurde, auch den
Urlaub mit ihr verbringen. Er hatte dafür eine Ferienwohnung an der
Costa Brava gekauft, die er später, als er nach Australien auswanderte,
Janet überschrieb.Seit ein paar Jahren studierte Janet mit beachtlichem
Erfolg Kunst und Kunst-Geschichte in Madrid an der 'Real Academia de
Bellas Artes'. Javier erinnert sich an die ersten Bilder von Janet. Sie
zeichnete schon als Kind sehr phantasievoll. Zum 40. Geburtstag schenkte
sie ihm ein Bild mit Rahmen, das er besonders liebt. Er nahm es sogar im
Koffer mit nach Australien. Auf dem Bild ist das Mittelmeer und ein Teil
der Küste bei Sonnenuntergang zu sehen, auf einem Felsbrocken sitzt ein
Mann, dessen Silhouette seiner sehr ähnelt, am Meeressaum steht ein
junges Mädchen – Janet. Das zarte Tuch, das ihren Körper umhüllt, lässt
sie wie eine Meerjungfrau erscheinen. Wie gut, dass es Janet gibt, der
einzige Mensch in seinem Leben, der ihm was bedeutet.
Die Erinnerung an seine Mutter ist verblasst, wie die bunten
verwaschenen Kittel, die sie häufig trug. Ein zartes, ernstes Wesen,
deren Schritte er nie hörte und sich erschrak, wenn sie plötzlich neben
ihm stand. Sie stammte aus Irland und kam mit der Lebensart der Spanier
wohl nicht zurecht. Von ihr hatte er die roten Haare geerbt. Sie lebten
in Cas Corredor, einem Dorf, deren Bewohner durch die Wände der Häuser
sehen konnten. Sein Vater war zwar als Monteur viel unterwegs, doch wenn
er da war, ging es fröhlich und abenteuerlich zu. Stundenlang kletterten
sie über die lockeren Felsbrocken an der Küste, angelten in versteckten
Buchten Fische und brieten sie gleich. Für die Kinder war das Dorf ein
Paradies. Sie balgten und tobten überall herum, spielten ihre Streiche.
Als der Pfarrer mal den Haustürschlüssel draußen stecken ließ, weil er
nur schnell etwas aus der Wohnung holen wollte, drehten sie den
Schlüssel um und versteckten sich. Ihm blieb nichts anders übrig, als
durch das Fenster zu klettern. Die Nachbarn lachten, bis die Dächer
wackelten. Einmal klaute er, obwohl er genug Geld dabeihatte, eine
Drachenschnur in dem kleinen Laden auf der anderen Seite der Dorfstraße.
Dem Besitzer war es aufgefallen, doch er grinste nur, nahm ihm die
Drachenschnur ab, brachte ihn nach Hause und erzählte es dem Vater. Der
sah ihn mit einem verwunderten Ausdruck an und ihm kam es so vor, als ob
ein Funken Stolz heraus blitzte. Später sagte sein Vater "Man darf alles
tun. Man darf sich nur nicht erwischen lassen." Er dachte an seinen 13.
Geburtstag und die Vorbereitungen für eine kleine Feier mit Freunden,
sie wollten grillen. Die Duplizität der Ereignisse an diesem Tag brannte
sich in sein Gedächtnis ein. Gegen Mittag zündete seine Mutter die
Grillkohle an, schüttete direkt Benzin aus der Flasche auf die
qualmenden Kohlen. Er war in der Küche und blies Luftballons auf, als er
sie schreien hörte. Er rannte zur Haustür, blieb im Türrahmen stehen,
wollte zu ihr laufen, doch seine Beine weigerten sich. Wie in Zeitlupe
sah er, wie sein Vater mit einer Decke auf die Mutter einschlug. Als er
die Flammen erstickt hatte, trug er sie ins Auto und fuhr nach Eivissa
in die Klinik. Wie er später erfuhr, ist sein Vater wohl zu schnell
gefahren, überholte einen Traktor auf der Straße nach Talamanca und
stieß frontal gegen den entgegenkommenden Lastwagen.